KAUFMÄNNISCHE LEHRANSTALTEN | Berufsbildende Schulen für Wirtschaft und Verwaltung

Selbstorganisiertes Lernen auf Neuen Wegen

Das selbstorganisierte Lernen (SOL) nach Dr. Herold ist zu einem Markenzeichen unserer Schule geworden. In diesem systemischen Ansatz wird die Fähigkeit zur bewussten Selbstorganisation als Kompetenz systematisch und schrittweise entwickelt. Eine SOL-Lehrkraft wird dabei zum Regisseur des Lernens – und wacht über die Gelingensbedingungen, wie z. B. Transparenz über Ziele, Inhalte, Gründe und Rollenerwartungen.

Nach und nach verändert sich so der Alltag in immer mehr Bildungsgängen.

 

 

Wie funktioniert Selbstorganisiertes Lernen?

Die Frage, was SOL ist und wie es funktioniert lässt sich kaum in einem Satz beantworten. Im Prinzip ist SOL ein systemisches Unterrichtskonzept, dass sich an der natürlichen Arbeitsweise des Gehirns orientiert und versucht, schulisch initiierte Lernprozesse darauf abzustimmen.

Wichtig dabei ist: Die Idee, dieses oder jenes Thema mal "mit SOL zu machen" oder "Elemente aus SOL zu nutzen" kann aus unserer Sicht nicht wirklich funktionieren. Denn SOL kann man nicht "machen"! Und es entsteht auch nicht durch den Einsatz bestimmter Methoden.

SOL manifestiert sich vielmehr durch:

· Ein gemeinsames Lernverständnis.

· Gestaltete Lernumgebungen: menschlich, didaktisch, organisatorisch, architektonisch

· Motivation von innen durch Sicherheit, Eingebundensein, Eigenständigkeit und Erfolg

· Gezielte Lern- und Fachberatung

· Systemisches Change Management in der Schulentwicklung. (vgl. www.sol-institut.de/bildung)

 

Wie sieht das auf der unterrichtlichen Ebene konkret aus?

In einem Unterricht, der auf die Selbstorganisation der Lernenden ausgerichtet ist,

  • Zeigt die Lehrkraft den Lernenden z. B. mithilfe eines Advance Organizers (einer Lernlandkarte) zu Beginn eines Themas wie dieses mit ihrem täglichen Leben zusammenhängt und schafft so von Anfang an die Möglichkeit, den Lernstoff mit Vorerfahrungen zu verknüpfen.
  • Zeigt die Lehrkraft den Lernenden außerdem Selbstlernverfahren. Diese Er- und Verarbeitungstechniken wenden die Lernenden zunächst unter Anleitung, später zunehmend eigenverantwortlich an.
  • Werden die Lernenden von der Lehrkraft angehalten, sich über ihre eigenen Ziele bezüglich des Unterrichts klar zu werden und deren Erreichung mittels eines Zielkreislaufs kontinuierlich zu reflektieren.
  • Planen die Lernenden auf der Grundlage von Kann-Listen eigenverantwortlich, welche Ziele sie erreichen wollen und dokumentieren ihren Lernprozess.
  • Kümmern sich die Lernenden selbst darum, dass sich ihr Punktekonto (als Grundlage für die Benotung der "Sonstigen Mitarbeit") füllt und sie sich ihrem Ziel nähern.
  • Übernehmen die Lernenden in Teams Verantwortung für sich, für andere und für das Thema.
  • Werden Erfolge sichtbar gemacht, aber auch Energien, die vom Ziel wegführen, sodass der Weg durch Lerncoaching neu ausgerichtet werden kann.



Die Entwicklung unseres SOL-Konzepts

Oder: Von SOL 1.0 zu SOL 4.0

 

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Und so hat sich auch unser SOL-Konzept stetig weiterentwickelt - so wie die Bildungswissenschaft und -landschaft insgesamt.

In der ersten Phase (SOL 1.0) war unser SOL-Ansatz stark methodenorientiert. Die bis dahin dominierenden fragend-entwickelnden Unterrichtsformen in Verbindung mit Präsentationen von Gruppenarbeitsergebnisse wurden ergänzt durch eine systematische Verknüpfung von verschiedenen Methoden, die die selbstorganisierte Arbeitsweise des lernenden Gehirns unterstützen sollten. Hier wurden Instrumente wie Advance Organizer, Gruppenpuzzle, Kann-Listen und Sortieraufgabe / Strukturlegen etabliert.

In der zweiten Phase (SOL 2.0) haben wir erkannt, dass - je selbstorganisierter die Lernprozesse sind - es umso weniger frontal ausgerichtete Klassenräume braucht. Und so haben wir begonnen, funktionale Lernlandschaften einzurichten, in der je nach Lernaktivität Räume für Arbeit im Plenum, mit der Gruppe / Partnern oder allein zur Verfügung stehen. Außerdem wurde in dieser Phase das - bis dahin von vielen fälschlich als SOL-Kernelement verstandene - Gruppenpuzzle durch die Arbeit mit festen Gruppen und Modulen ersetzt.

In der dritten Phase (SOL 3.0) wurde begonnen, das bis dahin dominierende Prinzip "Erst kommt der Unterricht, dann die Aufgaben" durch ein anderes Verständnis zu ersetzen: Die Aufgabe ist der Dreh- und Angelpunkt des Unterrichts! Sie ist der Anlass des Lernens und das Lernen zielt darauf ab, das mit der Aufgabe verbundene Problem zu lösen. Für den Aufbau von kontextunabhängigem Wissen und auch aufgrund von immer noch eher wissensfokussierten externen Prüfungen wird dieser handlungs- und produktorientierte Ansatz ergänzt durch eine Phase fachlicher Systematisierung (sog. Dekontextualisierung).

In dieser Phase wurden auch die vier Prinzipien unseres Lernverständnisses ausformuliert:

  1. Angemessene Herausforderung durch schwierige, aber machbare komplexe Aufgaben.
  2. Aktive Auseinandersetzung durch Klarheit über Ziele, Inhalte, Gründe und Rollenerwartungen, die zu aktivem selbstständigem Lernen auffordert.
  3. Anregende Unterstützung durch die wir versuchen, in der Gegenwart die erwünschte Zukunft der Schüler:innen herbeiführen zu helfen.
  4. Ansprechende Leistung, die wir mit hohem Anspruch und großem Zutrauen definieren und einfordern.

Die vierte Phase (SOL 4.0) ist durch die Digitalisierung geprägt. Das KMK-Konzeptpapier "Bildung in der digitalen Welt" definiert die Kompetenzbereiche, die im 21. Jahrhundert den Bildungsauftrag von Schule erweitern. Kritisches Denken und Problemlösen, Kommunikation, Kooperation, Kreativität und Innovation werden zudem im 4-K-Modell als die Kompetenzen beschrieben, die ein Mensch braucht, um in der Gesellschaft zu bestehen und diese mitzugestalten. Inzwischen werden diese 4 Ks oft zu Recht durch die drei Aspekte Responsibility, Productivity und Initiative ergänzt.

Die Corona-Pandemie stellt die Schulen vor eine große Herausforderung und gibt gleichzeitig der Digitalisierung einen großen Schub. SOL 3.0 hat sich in Schülerbefragungen an unserer Schule als gute Basis für Distanz- und Hybrid-Unterricht erwiesen. In dieses Konzept eingebunden, stellen digitale Medien weit mehr dar als eine Notwendigkeit in Zeiten der Krise. Vielmehr schaffen SOL und digitale Medien wertvolle Synergieeffekte, zum Beispiel für:

  • inhaltliche Orientierung durch hinführende Erklär-Videos (Advance Organizer) und die Erfassung von Vorwissen durch Online-Tools wie z. B. Mentimeter.
  • Planung und ko-kreative Problemlösung - orts- und zeitunabhängig durch Kollaborativ-Tools wie z. B. Padlet, ItsLearning, Videkonferenzen mit BreakOutRooms / Teilgruppensitzungen oder Produktiv-Apps wie bookcreator oder powtoon. Digitale Medien und Lernplattformen wie ItsLearning machen dabei die Gestaltung von personalisierten Lernpfaden einfacher.
  • Subjektive Aneignung durch Online-Tests zur Selbstüberprüfung und -reflexion z. B. mit ItsLearning, Kahoot, socrative.

  • Individuelle Verarbeitung durch Tools für concept mapping wie Mindmeister, C-Map.
  • freies Lernen z. B. mit Taskboards, digitalen Kann-Listen, Gamification-Tools (Kahoot, Quizlet).

  • Reflexion, Feedback und Lerncoaching (auch auf Distanz) z. B. mit Zoom, webEx.

 

Unser SOL-Konzept hat sich auch in Corona-Zeiten bewährt! Es wird sich weiter entwickeln, weil sich die Eingangsbedingungen von Schule ebenfalls verändern. Deswegen verstehen wir unser SOL-Konzept auch nicht als Heiligen Gral und Lösung für alles. Dafür ist Unterricht zu komplex. Aber wir glauben fest an die Richtigkeit unserer 4 Prinzipien und sind flexibel in ihrer Umsetzung!

 

 

SOL in der KLA - und darüber hinaus

Ursprünglich in Ulm von Dr.Martin Herold entwickelt, hat sich das Unterrichtskonzept SOL inzwischen weit verbreitet. Auch bei uns: So ist in den beiden größten Bildungsgängen an unserer Schule - der Zweijährigen Höheren Handelsschule und dem Bildungsgang "Kaufleute im Einzelhandel" - der Unterricht konsequent darauf ausgerichtet, dass die Lernenden ihre Selbstorganisationskompetenz ausbauen können.

Der regelmäßige Austausch unserer Pioniere mit unseren Partnerschulen in Bremen, Herford, Warburg, Lemgo und Bünde wirkt dabei immer wieder als energetische Stütze auf dem Weg in die nächste Komfortzone.

Die Fortschritte unserer Entwicklungsarbeit blieben dabei nicht unentdeckt. Zahlreiche andere Schulen aus ganz Deutschland (von Aachen bis Rotenburg (Wümme)) haben sich über unser Wirken informiert und sich inspirieren lassen. Auch die Nordsee-Zeitung berichtete über uns - hier geht's zum Artikel. 

Denkanstöße: Wie lässt sich das SOL-Konzept weiterentwickeln - ohne die ursprünglichen Prinzipien aus den Augen zu verlieren? Wie lässt sich SOL als Haltung skalieren? Wie noch kann die Vision 2035 und damit das Prinzip der Eigenverantwortung im Unterricht verfolgt werden?